Wenn Erinnerungen schmerzen..... von Marion Roosen-de Haard
Seitdem sich meine Krankheit verschlimmert hat, musste ich auf vieles verzichten. Dinge, die früher selbstverständlich waren, wie Urlaub machen, einen Nachmittag zum Shoppen verbringen oder spontan essen gehen. Manchmal schaffe ich es noch, etwas zu unternehmen. Gelegentlich kann ich im Rollstuhl mitfahren und kurz rauskommen. Aber die Realität ist, dass meine Welt in den letzten Jahren immer kleiner geworden ist.
Mein Pferd war meine Seelenverwandte. Jahrelang war sie ein fester Bestandteil meines Lebens. Jeden Tag besuchte ich sie. Ich kümmerte mich um sie, mistete den Stall aus, putzte sie, ging mit ihr spazieren oder stand einfach nur einen Moment bei ihr. Es waren nicht nur die Dinge, die ich tat; es war auch der Frieden, den ich dort fand. Egal, wie mein Tag gewesen war, mit ihr verblasste alles für einen Moment.
Als sich mein Gesundheitszustand weiter verschlechterte, wurde mir immer deutlicher, dass ich mich nicht mehr so um sie kümmern konnte, wie sie es verdiente. Zuerst übernahmen ihre Betreuer immer mehr Aufgaben von mir. Das schuf zwar Freiraum, aber das Verantwortungsgefühl, das ich weiterhin trug, blieb bestehen. Alle Entscheidungen lagen weiterhin bei mir, und mit ihnen alle Sorgen. Ich kann nicht mehr Auto fahren. Der Roller ist zu schwer geworden, um ihn sicher zu benutzen. Wenn ich irgendwohin will, bin ich darauf angewiesen, dass mich andere mitnehmen und mir helfen.
Deshalb wuchs auch die Angst. Was, wenn ihr etwas zustößt und ich nicht hingehen kann? Was, wenn sie mich braucht und ich nicht für sie da sein kann?
Ich musste mich dem stellen, was ich eigentlich schon wusste. Ich konnte ihr nicht mehr das geben, was sie verdiente. Die Entscheidung, sie gehen zu lassen, war ohne Zweifel die schwerste Entscheidung meines Lebens. Es fühlte sich an, als müsste ich mich von einem Stück meines alten Lebens verabschieden. Einem Leben, in dem ich noch selbstständig zu ihr gehen, mich um sie kümmern und die kleinen Dinge mit ihr genießen konnte.
Diese Traurigkeit ist immer noch da, aber neben ihr ist etwas anderes entstanden: Frieden. Nicht, weil ich sie weniger liebte, sondern weil die ständigen Sorgen verschwunden sind. Weil ich nicht länger schlaflose Nächte verbringen und mir Sorgen um Dinge machen musste, über die ich keine Kontrolle mehr hatte. Weil ich wusste, dass es ihr gut ging.
Manchmal denken Menschen, Verlust bringe nur Traurigkeit. Doch manche Verluste sind vielschichtiger. Manchmal liegen Trauer und Erleichterung nebeneinander. Manchmal vermisst man etwas unendlich und weiß gleichzeitig, dass Loslassen die richtige Entscheidung war.
Erinnerungen können manchmal schmerzen. Nicht, weil man sie loswerden will, sondern weil sie einen an etwas erinnern, das man geliebt hat, etwas, das man loslassen musste, und etwas, das immer einen Platz im Herzen haben wird.
